Der Sprachverarbeitung auf der Spur

Text: Trio MedienService Bonn

Zum Kern der Sprache vordringen und verstehen, wie jeder Mensch sie verarbeitet – das fasziniert Harald Clahsen. Und der Kern ist die Grammatik: dieses Regelwerk, das unsere Kommunikation ausmacht und uns von allen anderen Arten unterscheidet. Der Psycholinguist Harald Clahsen hat sich mit der Forschung zu Spracherwerb und Sprachverarbeitung international einen Namen gemacht. Er verbindet verschiedene Methoden, um einer Fähigkeit auf die Spur zu kommen, die unsere Welt immer stärker prägt und die Gesellschaft fordert: Mehrsprachigkeit

Forschungszentren zur Mehrsprachigkeit existieren in Kanada, den USA, Großbritannien, Australien und der Schweiz, dort, wo seit jeher viele Sprachen gesprochen werden. In Deutschland hingegen ist Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen und Kindergärten zwar längst ein Faktum, gesellschaftlich und wissenschaftlich jedoch noch lange keine Selbstverständlichkeit. „Heutzutage ist das einsprachige Individuum weltweit eher die Ausnahme, normal sind Menschen, die zwei oder mehr Sprachen sprechen“, sagt Harald Clahsen. Er wird gemeinsam mit seiner Frau, der Linguistin Claudia Felser, an der Universität Potsdam das neue Potsdam Research Institute of Multilingualism aufbauen und damit die For-schungslücke in Deutschland schließen. Harald Clahsen ist der erste Humboldt-Professor, der in einem neuen Bundesland arbeiten wird. „Der Standort ist ideal, denn die Nähe zu Berlin bietet ein mehrsprachiges Umfeld mit entsprechendem Forschungs- und Beratungsbedarf“, erläutert er.

Mehrsprachigkeit direkt beobachten

Harald Clahsen erforscht mit seinem Team, wie sich Mehrsprachigkeit im Kopf eines Menschen darstellt und auswirkt. Dazu nutzt er unterschiedliche Metho-den. Ihn interessiert weniger das „Wo“ als das „Wie“. „Ich möchte die Menschen dabei beobachten, wie sie Sprache verarbeiten, und zwar zeitnah.“ Deshalb konzentriert sich der Spitzenforscher nicht so sehr auf bildgebende Verfahren, die meist mit einer Verzögerung von ein bis zwei Sekunden aktive Hirnareale anzeigen, sondern nutzt eher die Elektroenzephalografie (EEG). Mit dieser in der Neurologie gängigen Methode werden Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche aufgezeichnet und in einem Elektroenzephalogramm abgebildet. Die Schwankungen geben Aufschluss über physiologische Vorgänge in den Gehirnzellen – auch bei der Sprachverarbeitung. „Wir präsentieren Probanden eine Reihe von Aktiv- und Passivsätzen. Die Verarbeitung dieser Informationen läuft in Millisekunden ab, und das EEG zeichnet wie ein Seismograf die Hirnströme auf. Ein Ergebnis dieser Messungen: Der Passivsatz kostet Menschen mehr Energie als die aktivische Konstruktion“, so der Linguist.

Das EEG wird ihm weitere Fragen beantworten: „Ich möchte mehr über die verschiedenen Aspekte der Sprache wissen; ob beispielsweise Bedeutung, Grammatik und phonetische Informationen nacheinander oder gleichzeitig verarbeitet werden.“ Diese Experimente will Clahsen in Potsdam auf Mehrsprachigkeit ausweiten. Eine der Fragen: Funktioniert die Verarbeitung von sprachlicher Form und Bedeutung in der Erstsprache genauso wie in der Zweitsprache?

Komplexes Bild dank Methodenmix

Harald Clahsen wird als Professor für Psycholinguistik von Mehrsprachigkeit zwei klar umgrenzte sprachliche Bereiche erforschen: die Grammatik von Wörtern und die Grammatik von Sätzen. Denn auch Wörter können komplex sein, sie bestehen aus mehreren Teilen und werden unterschiedlich verarbeitet. Dabei kombinieren Clahsen und sein Team mehrere Methoden – ein vielversprechendes Unterfangen. „Ich bringe behaviorale Untersuchungen, mit denen wir die Reaktionszeit für bestimmte Aufgaben ermitteln, Blickbewegungsexperimente und EEG-Messungen zusammen, um ein möglichst komplexes Bild zu erhalten“, erläutert er seinen Ansatz, der linguistische Theorie, psycholinguistische und neurolinguistische Aspekte vereint.

Der Humboldt-Professor will herausfinden, welche Wörter für Menschen schwer und welche eher leicht zu verarbeiten sind. Bisher hat er das mit einsprachigen Personen oder solchen, die später eine Fremdsprache gelernt haben, getestet. In Potsdam werden zweisprachige Kinder am Bildschirm sitzen. Um auch junge Kinder testen und mit anderen Altersgruppen vergleichen zu können, reichen Buchstaben nicht aus: „Wenn die Probanden noch nicht lesen können, werden ihnen Sätze vorgespielt und gleichzeitig Bilder gezeigt. Wir beobachten, wohin sie beispielsweise beim Hören eines Reflexivsatzes zuerst schauen, und können daraus schließen, ob sie ihn richtig verstanden haben.“ Auch hier geht es dem Humboldt-Professor um das Verarbeiten grammatisch komplexer Strukturen.

Sprachberatung

Diese Grundlagenforschung verbindet Harald Clahsen im Potsdamer Zentrum für Mehrsprachigkeit mit praktischer Beratung – und zwar für drei Zielgruppen: Eltern, die ihre Kinder zweisprachig erziehen, Lehrer, die Fremdsprachen unterrichten, sowie Lehrer, die mit mehrsprachigen Kindern arbeiten. „Häufig werden Defizite im Deutschen als Sprachbehinderung klassifiziert und die Schüler aus der Regelschule genommen“, berichtet Harald Clahsen. Er möchte Kriterien für Praktiker entwickeln, damit diese anhand der Fehler erkennen, ob es sich tatsächlich um eine Sprachstörung handelt.

Sein Forschungsfeld Sprache beschreibt Clahsen enthusiastisch: „Mit einer überschaubaren Menge von Regeln und unserem Vokabular können wir unendlich kombinieren und ausdrücken, was wir wollen. Das ist ein wesentlicher Aspekt des Menschseins.“