Forschung für die psychische Gesundheit

Text: Trio MedienService Bonn

Jürgen Margraf ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Klinischen Psychologen. In Bochum wird der international bekannte Pionier auf dem Gebiet der Ursachenforschung und Therapie von Depressionen, Panik- und Angststörungen ein Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit aufbauen.

Magersüchtige Models, depressive Fußballstars und panikgeschüttelte Manager – psychische Störungen sind in allen Medien präsent. Sind sie deshalb gesellschaftlich akzeptiert wie körperliche Erkrankungen? Keineswegs: „Diese Krankheiten sind weiterhin extrem stigmatisiert, sie gelten als Schwäche und Betroffene als ‚nicht normal’“, berichtet Jürgen Margraf aus seiner Arbeit. Er forscht seit mehr als 20 Jahren über Angststörungen und Depressionen und weiß, dass etwa jeder zweite Deutsche einmal im Leben an einer psychischen Störung leiden wird – Ausmaß und Schwere sind dabei sehr unterschiedlich. „Es geht nicht darum, ob man eine solche Störung bekommt, sondern wie man damit umgeht. Psychische Erkrankungen sind eine der wichtigsten Ursachen für vorzeitigen Tod oder ein Leben mit starker Beeinträchtigung. Deshalb müssen wir noch viel mehr aufklären“, ist der Klinische Psychologe überzeugt.

Margraf setzte Maßstäbe in der Angstforschung, als er den immer gleichen Ablauf bei Panikattacken entdeckte und daraus sein psychophysiologisches Modell entwickelte. In den etwa 28 Minuten, die ein solcher Anfall durchschnittlich dauert, spürt der Betroffene zunächst ein körperliches Symptom: Schweißausbruch oder starkes Herzklopfen. Während gesunde Menschen diese Wahrnehmung mit der Alltagssituation, in der sie sich gerade befinden, rational begründen – etwa mit einer Prüfung oder Verliebtsein – , assoziiert der Paniker unmittelbare Gefahr. „Es geht um Angst und zwar um Todesangst – das ist das Einzige, was gespürt wird“, erläutert Margraf. Diese Panik führt dazu, dass sich das körperliche Symptom verstärkt oder weitere Symptome wie Atemnot hinzukommen. Die Wahrnehmung konzentriert sich völlig auf die potenzielle Gefahr, die Bewertung wird drastischer, die Angst größer. An der Stanford University erprobte Margraf diesen Kreislauf. Wenn Panikpatienten einen von den Forschern akustisch simulierten höheren Herzschlag wahrnahmen, beschleunigte sich ihr Puls und die Attacke nahm ihren Lauf – bei der gesunden Kontrollgruppe passierte nichts.

Wer wird krank, wer bleibt gesund?

Jürgen Margraf will nun an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) grundlegend erforschen, welche Bedingungen dafür verantwortlich sind, dass ein Mensch depressiv wird oder unter Panikattacken leidet. „Als Therapeut weiß ich inzwischen, wie ich helfen kann, denn einige Dispositionen kennen wir, wie zum Beispiel Stress oder belastende Lebensereignisse.“ Doch Therapeuten kommen immer zu spät: „Der Patient hat bereits eine lange Vorgeschichte hinter sich, wenn wir ihn behandeln. Außerdem ist die Erinnerung unzuverlässig: Menschen bringen Zeitabläufe durcheinander und konstruieren Wirklichkeit“, so Margraf. Deshalb geht es ihm um eine komplexe Ursachenforschung, die das Zusammenspiel von psychologischen, biologischen und sozialen Faktoren ebenso berücksichtigt wie Gen-Umwelt-Interaktionen. „Bisher haben wir ausschließlich von den Genen her auf das Verhalten eines Menschen geschaut. Die Tatsache, dass sich auch die Umwelt auf den Genpool oder die Epigenetik auswirken kann, wurde eher vernachlässigt“, erläutert der Humboldt-Professor.

Der renommierte Forscher und Therapeut benennt den Dreiklang für die Entstehung von psychischen Krankheiten: prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren. Vernachlässigt wurden gesundheitsfördernde Faktoren. Doch jeder Mensch hat diese protektiven und salutogenetischen Elemente zur Verfügung. Allerdings wurden sie bislang kaum untersucht und nur unzureichend definiert. „Wir sind sehr pathologisch fixiert, über Schutzfaktoren wissen wir dramatisch wenig“, stellt Margraf fest. Er will psychische Gesundheit positiv definieren und nicht in Abgrenzung zu Krankheit. Schutzfaktoren können beispielsweise stabile soziale Unterstützung und belastbare emotionale Beziehungen sein – in Zeiten hoher Scheidungszahlen und sinkender Geburtenraten für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit.

Prävention ist die beste Medizin

Gemeinsam mit seiner Frau Silvia Schneider, die als Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie ebenfalls an die Ruhr-Universität berufen wurde, will Jürgen Margraf künftig einen ganzheitlichen Ansatz im neuen Forschungs- und Behandlungszentrum für Psychische Gesundheit entwickeln. „Auf dem Gebiet der Prävention können wir bislang keine guten Ergebnisse vorweisen. Vorbeugung ist der Test für unsere Theorien und extrem wichtig“, so Margraf. Die beiden Wissenschaftler werden sehr junge Kinder ebenso wie Erwachsene auf ihr gesamtes Umfeld, ihre genetischen Prädispositionen und ihre familiären Faktoren untersuchen. Dabei profitieren sie vom Forschungsnetzwerk der RUB: Eine Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaftlern und den knapp 18 Kliniken in der Region ist geplant. „In unserer Forschungs- und Ausbildungsambulanz behandeln wir 300 Patienten pro Quartal – und zwar auf dem neuesten Stand der Forschung“, sagt Margraf. Der Humboldt-Professor ist begeistert von der schnellen Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in die therapeutische Praxis an der RUB. Sie ist Grundlage für eine wirksame Prävention.