Lernen von den Ärzten der Antike

Text: Trio MedienService Bonn

Philip van der Eijk gilt weltweit als Experte für die Geschichte der antiken Medizin, antike Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Der mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen geehrte Altphilologe und engagierte Wissenschaftsmanager bereichert nun den internationalen Spitzenstandort der klassischen Altertumswissenschaften in Berlin.

Welche Gesundheitsversorgung ist die beste? Wie beugt man Krankheiten vor? Wodurch erhöht sich die Lebensqualität? Das sind existenzielle Fragen für moderne Gesellschaften. Philip van der Eijks Forschung zeigt, dass man sich bereits im klassischen Altertum mit solchen Problemen auseinandersetzte. Der Altphilologe konzentriert sich auf den antiken Diskurs zum Gesundheitswesen und die theoretischen, konzeptuellen und methodologischen Grundlagen der Medizin. Welchen Einfluss hatten philosophische Überlegungen zum Beispiel auf die Therapie? „Es gab im Altertum einen fortwährenden Dialog zwischen Medizin und Philosophie“, sagt van der Eijk. „Ein antiker Arzt musste auch Philosoph sein.“ Der Konkurrenz populärer kultischer Heilungswelten ausgesetzt, sollte ein Arzt den antiken Ideen nach theoretisch und rhetorisch überzeugend wirken, in seiner Argumentation den Gesetzen der Logik folgen und zudem über Kommunikation das Vertrauen der Gesellschaft in die Medizin stärken, erklärt van der Eijk. Das ist überraschend nah an modernen Forderungen.

Die Medizingeschichte hat sich lange Zeit vorwiegend mit der Geschichte von Krankheiten, Theorien über Krankheiten und mit der Geschichte von Krankheitsbewältigung beschäftigt. Was aber bedeutete „Gesundheit“? Wie gesund waren die Einwohner einer Stadt wie Rom in der Antike? Welche Gedanken machte man sich über gute Lebensführung und Umwelt, über Vorbeugung und Heilung? Wie verstand man in der Antike die Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist? Wer galt in diesen Fragen als die kompetente und entscheidende Instanz? Für die interdisziplinäre Beantwortung solcher Fragen gewinnt die Berliner Forschungslandschaft mit van der Eijk einen erstklassigen Experten.

Sein aktuelles Forschungsprojekt „Medicine of the Mind, Philosophy of the Body – Discourses of Health and Well-Being in the Ancient World“ führt van der Eijk seit Anfang 2010 in Berlin auf breiter Basis fort und konzentriert darin zugleich seine vielseitigen Forschungen zu antiker Medizin und Philosophie auf Fragen nach Leib und Seele. Auch das Nachdenken über Wissenschaftskommunikation erhält darin viel Raum. Wie Denken, Wissen und Information vermittelt werden, ändert sich und ist heute nicht mehr ohne moderne Medien wie Internet, E-Mail oder Twitter vorstellbar. Gemeinsam mit modernen Sprach- und Literaturwissenschaftlern will der Humboldt-Professor zeigen, dass lediglich neue Medien entstehen, während die Spannung zwischen Inhalt und Form, zwischen Gedanke und Ausdruck schon in der Antike diskutiert wurde.

Medizin und Kultur
„Medizinische Gedanken und Theorien existieren nie in einem Vakuum, sondern haben immer eine kulturelle, gesellschaftliche Resonanz“, betont der Altertumswissenschaftler. Van der Eijk war einer der Ersten, die antike Medizin nicht mehr nur als die Geschichte einer Disziplin betrachteten, sondern in einem breiten sozialen und kulturellen Umfeld erforschten. Damit integrierte er die Medizin in das Studium der antiken Welt insgesamt. Zahlreiche Publikationen zur Kommunikation und Verbreitung medizinischer Ideen in der Antike, einschlägige Analysen über ihre Beziehung zur antiken Philosophie, Religion und Geistesgeschichte sowie Beiträge zu ihrer Rezeptionsgeschichte hat van der Eijk vorgelegt. Die Kontextualisierung der antiken Medizin ist sein Hauptanliegen und Verdienst.

Van der Eijk ist nicht nur ein Brückenbauer zwischen Zeiten und Disziplinen wie Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft oder Medizin, sondern auch ein hervorragender Netzwerker. Der niederländische Wissenschaftler, der von der britischen Universität Newcastle nach Berlin gekommen ist, kann es kaum erwarten, die hervorragenden Möglichkeiten der deutschen Hauptstadt für seine Forschung intensiv zu nutzen. „Es ist eine großartige Herausforderung, diese Palette an Möglichkeiten in Berlin zukünftig fruchtbar in Beziehung zu setzen“, sagt van der Eijk. Der vielseitige Wissenschaftler wird an der Humboldt-Universität zu Berlin in der International Graduate School of Mind and Brain ebenso mitarbeiten wie im Exzellenzcluster TOPOI. Für seine Arbeit über den antiken Arzt Galen will er verstärkt mit dem Forschungsprojekt Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zusammenarbeiten. Dort werden im Rahmen des „Zentrum Grundlagenforschung Alte Welt“ medizinische Schriften der Antike in textkritischen Editionen mit Übersetzungen herausgegeben.

Wie schon in Newcastle will van der Eijk in Berlin Veranstaltungen für Studierende der Medizin anbieten: „Wenn man Praktikern Einblicke in die Theorie und Vermittlungsgeschichte medizinischen Wissens anbietet, erleben sie das als ausgesprochen wertvoll“, berichtet er von seinen Erfahrungen. Derart ausgebildete Ärzte könnten langfristig für frischen Wind in der weltweiten Diskussion um bessere Gesundheitssysteme sorgen.