Entdeckungsreise Ökonometrie

Text: Trio MedienService Bonn

Auf dem Feld der Arbeitsmarkt und Gesundheitsökonomik ist der Niederländer Gerard J. van den Berg der weltweit führende Volkswirtschaftler. Er erforscht, wie sich wirtschaftliche Verhältnisse im Kindesalter auf das spätere Leben auswirken. Für seine empirischen Untersuchungen entwickelt er eigene Methoden.

„Ökonometrie ist wie eine Entdeckungsreise“, sagt Gerard J. van den Berg. „Aus einer Fülle von Daten destilliere ich Informationen, die nicht direkt sichtbar, aber ökonomisch wichtig sind.“ Dafür analysiert er die individuellen Datensätze von Menschen, korreliert sie und zieht seine wissenschaftlichen Schlüsse. Das Verhältnis von ökonomischer Ursache und Wirkung mithilfe von statistischen Methoden zu quantifizieren, ist der Kern der Ökonometrie. Innerhalb der Volkswirtschaftslehre gehört der Niederländer der mathematisch-empirisch orientierten Denkschule an und entwickelt eigene Analysemethoden, die Kollegen später auch für andere ökonometrische Fragestellungen nutzen. „In der Ökonometrie müssen wir sicherstellen, scheinbar logische, aber dennoch falsche Schlüsse zu vermeiden – die Entwicklung von Analysemethoden ist deshalb ein Hauptbestandteil meiner Forschung“, sagt
Gerard J. van den Berg.

Betrachtet man sein bisheriges Lebenswerk, ist er einer der Top-Ten-Wirtschaftswissenschaftler im deutschsprachigen Raum: Im jüngsten Ranking der Wirtschafts- und Finanzzeitung „Handelsblatt“ belegt er Platz neun von 250 Forschern.

Vor allem langfristige Effekte interessieren den Humboldt-Professor, etwa welche Faktoren die Dauer von Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit beeinflussen oder wie sich Lebensumstände in der Kindheit auf die Gesundheit im Erwachsenenalter auswirken. In zahlreichen Studien hat van den Berg untersucht, wie staatliche Maßnahmen auf den Arbeitsmarkt wirken: ob beispielsweise eine Verringerung des Arbeitslosengeldes dazu führt, dass Menschen schneller eine Arbeit aufnehmen, oder ob Weiterbildung die Dauer der Arbeitslosigkeit verkürzt. Anhand der Daten aller zwischen Januar 1993 und Juni 2000 arbeitslos gemeldeten Schweden untersuchte der Ökonom die Wirkung eines besonders teuren und zeitintensiven Trainings. Die Studie lieferte ein ambivalentes Ergebnis. Zwar fanden Teilnehmer des Trainings kurz nach Ende der Fortbildung schneller eine Stelle als andere. Doch dieser Effekt hielt nicht lange an, und die Dauer der Arbeitslosigkeit wurde insgesamt nicht kürzer. „Zählen wir die Wochen in der Bildungseinrichtung zur Spanne der Arbeitslosigkeit hinzu, ist der Netto-Effekt gleich null“, erklärt van den Berg. Als Forscher möchte er zwar die Distanz zur Politik wahren, gleichwohl aber zu Verbesserungen beitragen. „Wenn unsere Forschungsergebnisse positiven Einfluss haben, bin ich zufrieden.“

Chancenverteilung am Beginn des Lebens

Ein weiteres wichtiges Forschungsfeld ist für van den Berg die Gesundheitsökonomie. „Wir wenden ähnliche Analysemethoden wie in der Arbeitsökonomie an, schließlich handelt es sich auch um Zeiträume: Wie lange bleibt jemand gesund, wie groß ist seine Lebensspanne?“, so van den Berg. Zudem sei Gesundheitsökonomie wissenschaftliches Neuland, wo er „viele extrem interessante Ergebnisse“ gewinnen könne. Die Fragen sind sozialpolitisch brisant
– etwa inwieweit die wirtschaftlichen Verhältnisse einer Familie bei der Geburt und in der frühen Kindheit die Lebenserwartung mit bestimmen. Hier geht es um Chancengleichheit oder -ungleichheit von Anfang an. Van den Berg schließt nicht direkt von der Armut der Eltern auf die spätere Gesundheit der Kinder. „Das wäre verkürzt. Zu viele andere Faktoren spielen eine Rolle. Persönlichkeit und Bildungsgrad der Eltern sind wichtig, genauso wie der Wert, den diese der Bildung beimessen – diese Faktoren bestimmen maßgeblich den Lebensstandard der Familie und die Kindererziehung“, sagt der Forscher. Um individuelle Faktoren auszuschließen, vergleicht er die Lebensspanne von Menschen, die während einer Rezession geboren wurden, mit solchen, deren Geburt in einen wirtschaftlichen Aufschwung fiel. Eine Wirtschaftskrise trifft viele Haushalte – sie ist ein temporärer negativer Schock von außen, der die Situation in den meisten Familien verschlechtert.

Das Ergebnis ist eindeutig. Van den Berg konnte für mehrere Länder nachweisen, dass „Rezessionskinder“ früher sterben als andere. Eine Untersuchung beruht auf 14 000 Daten von Niederländern, geboren zwischen 1812 und 1912. In einer anderen Studie stützt er sich auf Daten von dänischen Zwillingen und belegt, dass sich die Lebenserwartung eines 40-Jährigen um elf Monate verkürzt, wenn er in einer Rezession geboren wurde. Sein Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, ist deutlich höher als bei „Boom-Kindern“.

Obwohl die Daten aus den beiden vergangenen Jahrhunderten stammen, sieht van den Berg Parallelen zu heute. Auch damals hätten die Menschen unter Stress gelitten, wenn ihre wirtschaftliche Basis wankte. Die Auswirkung von Stress auf die Lebenserwartung ist eines der Themen, das er in Mannheim künftig gemeinsam mit Medizinern, Soziologen, Demographen und Epidemiologen bearbeiten möchte. Forschungsansätze zu diskutieren und Meinungen anderer Experten einzuholen, so der Niederländer, zähle inzwischen zu seinen wichtigsten Arbeitsmethoden. Mit einem Großteil des Fördergeldes möchte er desthalb Stellen für Nachwuchsforscher finanzieren und eine neue Forschungsgruppe für empirische Ökonomie aufbauen.