Wir brauchen mutige Universitäten

Wer eine fünf Millionen schwere Professur für seine Universität gewinnt, bekommt Unruhe und Neid gratis dazu. Diese Befürchtung hörte man oft, als vor zehn Jahren die ersten Humboldt-Professuren vergeben wurden. Das hat sich geändert.

Text: Armin Himmelrath (erschienen im Kosmos 108/2018)

Ein Gespräch mit Enno Aufderheide, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, darüber, wie man Forschungsstars gewinnt und wie sie deutschen Hochschulen nützen.

Kosmos: Herr Aufderheide, vor gut zehn Jahren hat die Stiftung die Alexander von Humboldt-Professur eingeführt, um die deutsche Wissenschaftslandschaft umzukrempeln. Wie erfolgreich waren Sie damit?
Enno Aufderheide: Unsere gemeinsame Kernidee mit dem Bundesforschungsministerium war es, die Universitäten mit der Humboldt- Professur zu ermutigen. Wir wollten sie ermutigen, selbstbewusst aufzutreten und bei den Professoren, die sie gewinnen wollten, hoch zu greifen. Nun, es hat ein bisschen gedauert, bis sie sich das auch selbst zugetraut haben, aber es hat grundsätzlich funktioniert. Wie bei jedem neuen Angebot gab es early adopters, die etwas schneller waren als die anderen. Von Anfang an sehr aktiv waren beispielsweise die großen Universitäten in Berlin und München. Aber die anderen Unis haben dann schnell nachgezogen.

Kosmos: Gab es für Sie in diesen zehn Jahren besondere Momente?
Enno Aufderheide: Ja, natürlich. Zum Beispiel, wenn man sieht, dass Universitäten, die man vielleicht nicht automatisch zu den Forschungsleuchttürmen zählen würde, bei diesem Programm mit ihrer exzellenten Forschung erfolgreich sind – das ist einfach toll, solche Geschichten miterleben zu dürfen. Denn das zeigt doch, dass die Kluft zwischen den bekannten und den etwas weniger bekannten Forschungsstandorten Deutschlands gar nicht so groß ist. Und das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Punkt: dass es eine Anschlussfähigkeit gibt zwischen den „normalen“ Unis und den Spitzenuniversitäten. Wir brauchen das, um vielversprechende Studierende wirklich überall abholen zu können. Dass die Humboldt-Professoren auch an kleinere Standorte gehen, ist ein klarer Indikator dafür, dass es diese Anschlussfähigkeit gibt.

Kosmos: Nicht ganz so zufrieden können Sie mit dem Frauenanteil unter den Ausgezeichneten sein ...
Enno Aufderheide: Natürlich ist es frustrierend, wenn es Jahre gibt, in denen der Frauenanteil an den Berufungen gegen Null geht. Andererseits haben wir auch einen Jahrgang, in dem nur ein Mann unter den Ausgezeichneten ist. Bei den kleinen Zahlen unserer Kohorten sind diese Schwankungen relativ normal. Es bedurfte aber, gerade am Anfang, vieler Gespräche mit Uni-Leitungen, um zu einem Umdenken zu kommen. Bei der absoluten Forschungsspitze auch sofort an Frauen zu denken, funktioniert offenbar nicht immer automatisch. Aber das bessert sich, das merken wir schon. Ich sehe da keinen Grund zum Alarmismus – zumal wir mit jedem Jahrgang neue role models dazubekommen.

Kosmos: Was Sie beschreiben, ist ja nicht weniger als ein Kulturwandel in der Wissenschaft. Reichen denn die zehn Professuren dafür aus, die Sie pro Jahr vergeben können?
Enno Aufderheide: Einerseits ja: Es funktioniert trotz der relativ kleinen Zahl. Andererseits verpassen wir Chancen. Die deutschen Universitäten können ja einiges bieten: eine insgesamt gute Drittmittellage, eine gesicherte Grundfinanzierung – auch wenn man über deren Höhe sicher streiten kann –, gut ausgebildete Studierende und nicht zuletzt ein forschungsfreundliches Klima in Deutschland. Da könnte ich mir auch mehr als die zehn Humboldt- Professuren vorstellen. Das Potenzial dafür wäre da. Allerdings muss dann auch ein klares Signal her, dass das Geld dafür zur Verfügung steht. Wir kommen sicherlich nicht in einem Sprung auf, sagen wir, 20 Auszeichnungen pro Jahr, aber die Qualität der Forschung in Deutschland gäbe das her. Und wenn man schaut, wie die USA oder auch Großbritannien durch das intolerante Klima dort an Attraktivität für Spitzenwissenschaftler eingebüßt haben, halte ich 20 Humboldt-Professuren durchaus für realistisch.

Kosmos: Wie viel Mut brauchen die Unis, um eine solche Professur anzustreben?
Enno Aufderheide: Humboldt-Professuren bringen Ungleichheit an eine Hochschule – das ist ja auch gewollt. Am Anfang wurde noch häufig diskutiert, ob das vertretbar ist. Aber es gibt mittlerweile viele Universitäten, die das bewusst leben und daraus auch Kraft ziehen. Geht etwa der Millennium- Preisträger Stuart Parkin nach Halle, um dort am Max-Planck-Institut und an der Uni zu forschen, wird der Standort automatisch deutlich attraktiver für herausragende Wissenschaftler in seinem Gebiet.

Kosmos: Und dennoch scheitern Berufungsverhandlungen zwischen Hochschulen und potenziellen Humboldt-Professoren auch immer mal wieder – trotz der Freiheiten und trotz des vielen Geldes, das mit einer Humboldt-Professur verbunden ist. Woran liegt das?
Enno Aufderheide: Die Kandidaten, über die wir reden, sind so hochkarätig, die haben immer verschiedene Optionen. Zum Teil erhalten sie unglaublich gute Bleibeangebote von ihren bisherigen Universitäten, oder sie bekommen von anderen Hochschulen Gegenangebote, so ist das eben in der Wissenschaft. Da müssen wir vielleicht den Hochschulleitungen noch etwas stärker unter die Arme greifen, den Verwaltungskostenanteil anpassen und ihnen damit die interne Rechtfertigung für den Schritt zu einer solchen Berufung noch etwas erleichtern. Diese Freiheiten müssen aber auch genutzt werden – und da sind wir wieder bei dem Mut, von dem Sie gerade sprachen. Er ist noch nicht überall vorhanden.

Kosmos: Haben Sie konkrete Beispiele für schwierige Themen bei Verhandlungen?
Enno Aufderheide: Wenn Verhandlungen scheitern, dann liegt das häufig auch am fehlenden Dual Career- Verständnis der deutschen Seite. Es gibt Unis wie die in München, wo der Dual Career Service ganz aktiv nach Optionen für den Partner oder die Partnerin des Humboldt-Professors sucht. Bei anderen Unis beschränkt sich die Hilfe darauf, den Namen der Tageszeitung zu nennen, in der man nach Stellenanzeigen suchen könnte – das ist nicht genug. Es reicht auch nicht, einfach nur eine Telefonnummer der nächsten internationalen Schule weiterzugeben. Nein, da braucht es aktive Unterstützung. Nur Informationen bereitzustellen, ist kein überzeugender Relocation Service.

Kosmos: Sind wir in Deutschland vielleicht auch zu bürokratisch?
Enno Aufderheide: Das kann ich im Einzelfall nicht ausschließen. Andererseits ist die Wahrnehmung eigentlich immer so, dass fremde Abläufe und Bürokratien als unangenehmer erlebt werden als die aus dem eigenen Land bekannte Bürokratie. Das Problem ist also ein alltägliches. Deshalb wäre mein Rat an die Humboldt-Professoren, dass sie einen Teil des Geldes einsetzen, um eine Person einzustellen, die ihnen die Bürokratie abnimmt. Das kostet eine Assistentenstelle, aber es erhöht die Gesamtproduktivität der Gruppe enorm.

Kosmos: Sie haben keine Sorge, dass die großen Forschungsstars die Unilandschaft zu sehr in Unruhe versetzen?
Enno Aufderheide: Nein. Denn gute Leute gehen in gute Umgebungen – und ziehen dann auch andere extrem gute Leute an. Die Humboldt-Professur produziert nicht den isolierten Stern am Wissenschaftshimmel, sondern sorgt dafür, dass an einer solchen Universität die Berufungen danach auf höherem Niveau erfolgen.

Kosmos: Und das hält auch nach Ende der Förderphase an?
Enno Aufderheide: Der Übergang zur Regelfinanzierung ist natürlich ein entscheidender Zeitpunkt. Die vorher gemachten Zusagen der Hochschulen müssen verlässlich eingehalten werden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Deutsche Hochschulverband bei den Berufungsverhandlungen von Anfang an beratend dabei ist. „Die Universität wird sich bemühen“, ist eben keine Zusage und das muss einem ausländischen Forscher auch klar gesagt werden. Es sind ja nicht nur die kulturellen Grenzen, die überwunden werden müssen, sondern auch die rechtlichen. Das gelingt insgesamt aber ziemlich gut.

Kosmos: Worüber werden wir Ihrer Prognose nach in weiteren zehn Jahren im Zusammenhang mit der Humboldt-Professur reden?
Enno Aufderheide: Wir haben dann hoffentlich ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern; vor allem aber werden wir erleben, wie stolz jede Universität auf ihre Alexander von Humboldt- Professuren ist und wie sie diesen Stolz mit in andere Berufungen nimmt. Der Kulturwandel zum aktiven Rekrutieren von Top-Forscherinnen und -Forschern ist dann vollbracht. Zudem: Durch eine Weiterentwicklung des Programms können wir weiterhin attraktive Rahmenbedingungen bieten und in der dann womöglich noch größeren internationalen Konkurrenz bestehen.